Montag, 23. Januar 2017

Ich hab‘ ein Buch gefunden! | Bookcrossing - ein Erfahrungsbericht

In Büchern liegt die Seele aller Zeit. Was aber sind diese im Zeitalter von eBook, Hörbüchern und Internet noch wert? Was bedeutet das geschriebene Wort, wenn alle Informationen auf elektronischem Wege frei verfügbar sind? Der materielle Wert von Büchern ist oft nur noch gering. Aber Bücher erzählen eine Geschichte. Nicht nur jene, die sich zwischen den Seiten verbirgt. Ich komme nur noch selten zum Lesen, obwohl ich mich vor einigen Jahren kaum von dicken Wälzern losreißen konnte. In eine Welt eintauchen, darin versinken, Seite für Seite umblättern, das glatte oder strukturierte Papier zwischen den Fingern fühlen, den Geruch eines neuen Buches einatmen. Sich im Halbschlaf wachhalten, nur um noch einen Absatz zu lesen, und noch einen, und noch einen, um schließlich mit den aufgeschlagenen Seiten neben sich einzuschlafen. Ein unvergleichliches Gefühl. Aber zu oft wird man abgelenkt. Zu oft fehlt die Muse in dieser schnelllebigen Welt. Das Gefühl, etwas zu verpassen, während man mit seinem Buch in der Ecke sitzt. Bücher wandern ins Regal, verstauben oder werden entsorgt. Eine Schande. Als ich am vergangenen Wochenende in einem kleinen, gemütlichen Café im Herzen von Leipzig meine heiße Schokolade schlürfte, stach es mir dann ins Auge. Ein Buch. Ein dickes, abgenutztes Taschenbuch. An einer kleinen Lampe lehnend, umgeben von einem Interieur, in dem sich Landhausstil und gediegener Sperrmüll die Hand reichen. 


Die Frage war: was machte es dort? Wurde es vergessen? Meine Neugier ließ sich nicht verdrängen und ich schnappte es mir unauffällig, um es zu mustern. „The only sin“ von Julie Ellis, ein englischer Roman. Der Rücken schon recht zerschlissen, mit deutlichen weißen Striemen. Beim Aufschlagen entdeckte ich einen Zettel, ebenfalls auf Englisch. Darauf stand so viel wie: „Dieses Buch wurde freigelassen. Es wurde nicht verloren und wartet auf einen neuen Besitzer“, darunter die Internetadresse www.bookcrossing.com - eine weltweit agierende Online-Gemeinschaft zum Tauschen und weitergeben gelesener Bücher. Wo dieses Buch wohl schon war? Die Seiten sind rau und vergilbt. Auch hat es einen Wasserschaden, denn die rechten unteren Ecken der Seiten sind leicht wellig und noch ein Stück vergilbter als der Rest des ohnehin schon mitgenommen aussehenden Buches. Vielleicht ist der Vorbesitzer in einen Regenguss gekommen, oder lag am See während Wasser spritze – vielleicht ist auch nur Limo darüber gelaufen. Dieses Buch erzählt definitiv eine Geschichte, nein zwei.


Und da war es wieder, dieses Gefühl. In eine Welt einzutauchen, während das rege Treiben um mich herum verschwimmt. Während Seite für Seite umgeschlagen wird, der Geruch alten Papieres in meine Nase dringt und die schwarzen Buchstaben Satz für Satz einen kleinen Film in meinem Kopf kreieren. Kein iPad und kein eBook können da mithalten. Ich bin mir sicher, dass Bücher auch in Jahrzehnten noch immer in unseren Händen ruhen werden, wo sie doch eine der größten Errungenschaften der Menschheit sind. Mein neues, altes Buch besitzt eine Identifizierungsnummer, die ich zu Hause auf der angegebenen Website eingetragen habe. Nun bin ich der offizielle Finder dieses Werkes – ich habe es adoptiert. Nach kostenloser Registrierung kann ich nun sehen, wo es überall war, wer es gelesen hat und wie es bewertet wurde. Genauso kann der Vorbesitzer verfolgen, wo und bei wem es gelandet ist. Die Datenbank zeigt mir sechs Einträge, mein Buch ist doch schon recht gut herumgekommen. So wurde es scheinbar aus Großbritannien mit nach Deutschland gebracht und passierte einige deutsche Städte, wobei es zuletzt in eben jenem Café in Leipzig ankam, in dem ich mich zufällig am Wochenende befand. Bookcrossing gibt es also weltweit in nahezu allen Ländern der Erde. Diese sind auf der Website eingetragen und der Jäger und Sammler kann nachschauen, in welchen Städten Bücher ausgesetzt wurden. In Leipzig gibt es viele Einträge, ebenso in Dresden. Meist steht der Ort dabei und ein kleiner Tipp, wo man das Buch finden kann. Dabei sind den “Freilasszonen“ keine Grenzen gesetzt. Egal ob auf einer Parkbank, in einer alten Ruine oder auf dem Bahnsteig – Bücher können überall ausgesetzt werden, wo Menschen in der Lage sind, sie zu finden. Dazu werden sie oft in Plastikbeutel gepackt und verschlossen, damit sie im Freien keinen Schaden nehmen. Doch was ist, wenn jemand ein Buch findet, mitnimmt und nicht registriert oder als gefunden angibt? Diese Frage stellte ich auch der Vorbesitzerin meines Buches, die ich dank Website gefunden habe. „Mir ist es egal, ob das Buch eingetragen wird oder nicht, wer es findet, soll es haben. Denn darum geht es beim Bookcrossing ja letztendlich. Um den Erhalt des Buches, um das Lesen und um den Wert der Geschichte.“ Auch ich werde meine eingestaubten Bücher aus dem Regal befreien und aussetzen. Wer weiß, bei wem sie landen und wem sie Freude bereiten können. Vielleicht finde ich mein Buch auch irgendwann in der Ferne wieder.

Kommentare:

  1. Ich lebe auch in Leipzig und in meinem Viertel Plagwitz ist es normal, dass Leute Bücher in Kartons in Hausfluren, Hauseingängen und co abstellen und ein "zu verschenken"-Schild dazulegen. Beim Späti "Schatzinsel" steht auch immer ein Karton mit Büchern. Ich lege auch immer mal wieder welche dazu. Erst letztens hab ich ein schönes Brot Backbuch gefunden und mitgenommen.
    LG Myriam

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  2. Wow, die Website kannte ich noch gar nicht. Ich kann mich so wiederfinden in deinen Beschreibungen.. Einfach schön!

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